Die wandernde Gurke

Seit einigen Tagen wohne ich also in der neuen Wohnung. Ein Wohnhaus aus den dreißiger Jahren, hübsch und nicht übertrieben luxuriös. Das Haus, so viel habe ich schon beobachtet, wird in den unteren Etagen von älteren Menschen bewohnt (Rollatoren im Hausflur!); in den oberen Etagen wohnen Familien (spielende Kinder im Hinterhof!).

Beim Treppensteigen nach der ersten Wohnungsbesichtigung fiel mir die doppelt halbierte Gurke auf, die es sich in einem dunklen Winkel am Fuße des Treppengeländers gemütlich gemacht hatte. Die zuerst mittig durchtrennte, dann längs halbierte Salatgurke lag mit ihrer saftigen Seite zum Boden gekehrt auf dem Treppenabgang und schrumpelte vor sich hin.

Option 1: Eins der spielenden Kinder hat die Gurke als Pausensnack von der Mutter erhalten, beim Spielen im Treppenhaus (darüber reden wir nochmal!) angenagt und schließlich dort versteckt (vielleicht für später?). Oder aber, Option 2, einer der älteren Herrschaften hatte die Gurke übrig, wollte sie aber a) nicht wegwerfen, und b) nicht bis in den Hinterhof zur Biotonne schlurfen; und so wurde die Gurke in einem unbemerkten Moment unter das senfgelbe Geländer geschoben.

Bei meinem zweiten Wohnungsbesuch war das Gurkenstück immer noch da. Etwas schrumpeliger als beim letzten Mal, und um eine komplette Etage (plus – pi mal Daumen – drei Stufen) nach oben gewandert. Das schließt folglich die Senioren als Gurkenstreuer aus (mangelnder Bewegungsspielraum im Treppenhaus). Also doch die Kinder: Handelt es sich bei der Gurke um eine in das Spiel eingebundene Figur / Hostie / Geißel? Oder doch nur weiterhin ein Spielpausen-Snack, von dem lange gezehrt wird (offensichtlich mehrere Wochen!)?

Als ich nun vorgestern mit Sack und Pack in die Wohnung einzog, hatte der mittlerweile wirklich kümmerlich dreinblickende Salatgurken-Knilch seinen Platz am Fenster zum zweiten Obergeschoss hin gefunden. Wie eine kleine Figur stand er auf dem Fenstersims und schaute nach draußen – die runzeligen Gurkenränder erinnerten mich an die Trolle mit den bunten Plastikhaaren, die viele (zu viele!) Leute sammeln und für teuer Geld auf eBay verkaufen. Sie erinnern mich auch an das Schaufenster der Erdgeschosswohnung (die Wohnung muss der Frau mit dem Rollator gehören), in dem zum Bürgersteig hin viele kleine Figürchen und Stofftiere auf Regalbrettern sitzen und traurig auf die Straße gucken. Vielleicht vermissen sie jemanden. Oder sie ahnen, welches Schicksal ihnen blühen könnte.

Ich bau’ mir ein Luftschloss

Nach viereinhalb Jahren lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. 2009 sind wir gemeinsam hier in dieser Stadt und in dieser Wohnung angekommen, und jetzt wird es Zeit, dass jeder seinen eigenen Raum bekommt – manche von uns gehen auf Reisen, andere suchen sich diesen Raum hier. Ich zum Beispiel.

Ich habe mich nicht wirklich getraut, während der Wohnungssuche zu jammern. Ja ja, auch in Berlin sieht es düster aus auf dem Wohnungsmarkt, und alles wird teurer und teurer, und sowas wie das hier findet man sowieso nie wieder. Aber ich muss an meinen Bruder denken, der in München lebt, da sieht die Sache ganz anders aus (viel düstererer). Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, was für ein unglaublicher Luxus uns in unseren riesigen, mit Dielenboden und öffentlichem Nahverkehr ausgestatteten Wohnungen zur Verfügung steht – und das nicht in Vororten, sondern mitten in der Stadt. (Da ist es natürlich von Vorteil, wenn eine Stadt vier anstatt nur ein Stadtzentrum hat.)

Aber ich wurde fündig, und in wenigen Wochen wohne ich in meinen eigenen vier Wänden. Seit Monaten scrolle ich durch Einrichtungsmagazine, erdenke mir die schönsten Wohn-, Arbeits- und Badeparadiese und zerbreche an dem Gedanken, welche Küchenarbeitsplatte nun die Raffinierteste ist. Pinterest ist bei solcherlei Brainstormings übrigens absolut keine Hilfe – da wird ziemlich schnell deutlich, dass alles, was uns als Lifestyle verkauft wird, erstunken, erlogen und im wahren Leben entweder viel zu teuer oder nicht mit Wasser abwischbar ist. Am Ende holt einen der Spaziergang durch das schwedische Küchencenter sowieso auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und um direkt dort zu bleiben, habe ich mich gegen visuelle Inspiration entschieden und ganz pragmatisch gescribbelt. Kritzeleien sehen sowieso besser (und nach drei Wochen Benutzung auch realistischer) aus als all die Hochglanzfotos von Wohnträumen im Internet.

T Magazine: The Writer’s Room

A couple of weeks ago, New York Times’ T Magazine published a short series of portraits about five writers and their workspaces. With only a snapshot of the author within his or her writing environment, and a short text about why the place is arranged exactly like that, the portraits are much more personal that the usual show-me-your-nicely-designed-flat and manages to actually tell a story around the work that the authors do, rather than their relation to furniture and status symbols.

My personal favorite is Joyce Carol Oates and her desk in front of the window, with a view directly out to nature. She describes it the following:

This writing room replicates, to a degree, the old, lost vistas of my childhood. What it contains is less significant to me than what it overlooks, though obviously there are precious things here — photographs of my parents and my grandmother. Photographs of my husband Raymond Smith, who died in 2008, and of my second husband, Charlie Gross. Portraits of me by my friend Gloria Vanderbilt. Like all writers, I have made my writing room a sanctuary of the soul.

Read the full story.

Liebe alle — In unserer WG ist im April ein (unmöbliertes) Zimmer frei. Es ist 24qm groß und verfügt über einen Balkon zur Südseite hin, liegt in Neukölln zwischen S/U Hermannstraße und S/U Neukölln und kostet 330 Euro (inkl. Strom und Internet). Wer interesse hat: mal ätt christowski.de.
—
English: Dear all — during April we have a free room (no furniture!) in our flat in Neukölln. Its 24 sqm big and includes a sunny balcony. The flat is located in Neukölln between S/U Hermannstraße and S/U Neukölln, and the room costs 330 € (including electricity and internet). If you are interested or know someone: mail aett christowski.de.

Liebe alle — In unserer WG ist im April ein (unmöbliertes) Zimmer frei. Es ist 24qm groß und verfügt über einen Balkon zur Südseite hin, liegt in Neukölln zwischen S/U Hermannstraße und S/U Neukölln und kostet 330 Euro (inkl. Strom und Internet). Wer interesse hat: mal ätt christowski.de.

English: Dear all — during April we have a free room (no furniture!) in our flat in Neukölln. Its 24 sqm big and includes a sunny balcony. The flat is located in Neukölln between S/U Hermannstraße and S/U Neukölln, and the room costs 330 € (including electricity and internet). If you are interested or know someone: mail aett christowski.de.

Über die Dinge, die weh tun

Vom Leben gelernt: Die Dinge, die weh tun, sind oft die, die gleichzeitig als die Schönsten gelten. Das ist im Alltag so, man muss sich nur mal all die tätowierten Menschen angucken, oder die Kinder, die es lieben, den eigenen Schorf von den Beinen zu kratzen. Auch im emotionalen Alltag ist es so; zum Beispiel mit Vorwürfen, die gerade durch ihre grausame Bequemlichkeit so schwer wiegen und leicht von der Zunge gehen, oder mit der Liebe, oder der Beziehung zu Menschen generell. Wenn es glatt läuft, ist da nichts, was die Sache aufrecht erhält.

Mit der Beziehung zu Dingen ist es ähnlich – Christian Boros sagt im wunderbaren Videoportrait von Freunde von Freunden: »Man verliebt sich ja auch manchmal falsch in Sachen, die eben gefällig sind. Es muss auch zwicken und weh tun, um richtig lange eine Bedeutung zu haben.«

Sowieso gibt es so viel aus diesem Film, das einer Zitierung würdig ist: »Es ist sehr schön, dass ich mich nicht daran gewöhne«, sagt er über die Tatsache, dass er den Luftschutzbunker an der Friedrichstraße besitzt und sogar bewohnt – eine Tatsache, die man ihm nach diesem Satz auch gönnen kann. Wer sich durch die Sammlung Boros im Inneren des Bunkers führen lässt, bemerkt, was gemeint ist: »Das ist nicht meine Kunst«, denkt man, aber eigentlich ist das niemandes Kunst. Sie ist nur da, um eben nicht gefällig zu sein; weil man weiß, dass das der Reiz daran ist.