Die Designerblindheit
Neulich lief ich durch die Stadt nach Hause und kam an einem interessanten Graffiti vorbei. Ich zückte meine Kamera, um es zu fotografieren und mich an das Werk erinnern zu können, und lief weiter.
Nach etwa zehn Metern hielt ich inne. Ich dachte an das Graffiti und seine Form und die Farben und die Schrift – und mir viel auf, dass ich gar nicht gelesen hatte, was da überhaupt stand. Das Wichtigste, nämlich die Aussage des Werks, habe ich mir aufgrund seiner Ästhetik entgehen lassen.
Zugegebenermaßen war ich etwas erschrocken über mich selbst, denn ich reflektierte: Sowas passiert mir ziemlich oft. Wenn ich eine Website sehe, gilt mein erster Gedanke der Beurteilung des Designs, dann erst lese ich, worum es überhaupt geht. Wenn ich mir einen Ausstellungskatalog ansehe, stehen die Ausstellungsstücke an zweiter Stelle: Erst gucke ich, ob die Fotos auch gut aussehen und ob ein Grundlinienraster existiert.
Ich habe offensichtlich die Designerblindheit: Form vor Inhalt. Und dabei kenne ich die wichtigste Regel in unserem Berufsfeld ganz genau: Form follows function. Der Inhalt ist wichtiger als die Verpackung, und die Verpackung kann nur gut sein, wenn auch der Inhalt stimmt. Allerdings, und das muss ich trotz meiner eingebildeten Krankheit äußern: Ich bin unsicher, ob sich die meisten Designer daran halten. Ich bin bestimmt nicht der einzige, der unbequeme Stühle in Kauf nimmt, weil sie gut aussehen, und der irrelevante Designmagazine kauft, weil sie exquisit gestaltet sind.
Als Designer haben wir mehr zu tun als Konsumer: Einerseits müssen wir unseren Blick schulen und auf die Ästhetik von Produkten achten, auf ihre Formgebung und auf ihre Probleme – viel wichtiger ist aber, dass wir unser Gehirn schulen und auch auf der Ebene des normalen Betrachters bleiben. Wir müssen verstehen, wie der Inhalt wahrgenommen wird. Ein Grundlinienraster sieht der normale Betrachter ja gar nicht. Es schleicht sich in sein Unterbewusstsein und macht das Lesen bequemer. So funktioniert Design.
Mir fällt das durchaus manchmal schwer. Ich will schöne Dinge machen, und Schönheit (Äußere und auch Innere, wie etwa Funktionalität) ist mir wichtig. Aber ich will gleichzeitig extrem gute Sachen machen, und deshalb habe ich mich beim Verpassen der Botschaft des Graffitis auch so sehr über mich selbst geärgert. Die Wandmalerei sagte übrigens nicht mehr als: „Life is Love, share it.“ Nun ja … Wenigstens war es in unglaublich schönen Lettern geschrieben.