Zwischen Jetzt und Später ist Jetzt
Vor einigen Monaten beschrieb ich – in Anlehnung auf die Fotoserie von Evi Lemberger auf Zeit Online – eine Idee, wie mein Leben in zehn Jahren aussehen könnte. Seitdem lässt mich der Gedanke nicht mehr los und meine momentane Situation fühlt sich an, als könnte ich alles tun, was ich wollte. Eine Sache, die ich mir ehrlich gesagt damals nicht vorstellen konnte, als ich mich entschied, mein Abitur nicht zu machen.

Generell bin ich unsicher, ob in der heutigen Zeit, in der heutigen Gesellschaft oder zumindest in meiner Adaption davon, etwas wie ein ausführlicher Lebensplan überhaupt noch notwenig ist. Wir sind flexibler geworden, was Wohnorte und Beziehungen angeht, wir haben nicht mehr den einen Beruf bis wir alt werden, und generell kann sich unser Lebensverlauf doch jeden Tag urplötzlich in eine vollkommen neue Richtung drehen – wie soll man da vernünftig planen?!
Andererseits bringt die Möglichkeit, so viele Möglichkeiten zu haben, natürlich auch Orientierungslosigkeit mit sich und schreit deshalb fast nach einem Plan. Orientierungslos fühle ich mich zwar nicht, aber ich tue mich schwer, den richtigen Plan zu schmieden – falls es den überhaupt gibt. Hier sind also drei Ideen, wie ich meine goldenen Zwanziger gestalten könnte.
Idee 1:
Mit 21 habe ich den Bachelor in der Tasche. Ich habe weder auf Praktika noch auf Agenturstaub Lust, und beziehe mit ein paar Freunden ein Büro, in dem wir alles, was in der Uni nicht mehr passiert ist, raus lassen und unsere Köpfe von seltsamen Unsinnsideen befreien, um danach ernsthafter Arbeit nachzugehen. Nach 12 Monaten stelle ich fest, dass mir der Unsinn (mit 22 nenne ich es dann „Experimentieren“) immer noch mehr Spaß macht als Steuererklärungen, und ich gehe zurück an die Uni, um einen Master in Design zu machen (bessere Fach-Ideen? Email an mich). Nach zwei Jahren Master bin ich gut im Berufsleben und mache das, was ich eigentlich tun will: Unterrichten. Ich arbeite an Unis und Hochschulen, freelance nebenbei durch die Gegend und wohne immernoch in Berlin. Mit 29 greife ich die Studio-Idee wieder auf – mit mehr Fokus und mehr Vita. Außerdem habe ich einen ordentlichen Plan für die kommenden sechs Jahre. 35, meine Güte.
Idee 2:
Wir bleiben bei der anfänglichen Idee des Design-Studios mit Freunden und den überschüssigen Gespenstern im Kopf. Wir basteln und freiberuflern fröhlich durch die Welt und merken, dass das Alles ganz schön gut ist. Nach 2 Jahren Testlauf machen wir die Sache handfest und werden ein offizielles Kreativ-Studio. Weil wir jemanden an Bord haben, der auch tatsächlich ein Auf-die-Reihekrieger ist, machen wir aber viel mehr als nur Design. Wir setzten Ideen um, woher auch immer die kommen und welche Form die auch immer haben. So geht das einige Jahre, und wenn es wirklich so gut ist wie die Form da gerade in meinem Kopf, machen wir das bis wir 30 sind. Aber eben immer ein Stückchen besser und größer und weiter.
Idee 3:
Nach dem Bachelor arbeite ich zwei Jahre freiberuflich als Interface-Designer und merke, dass mein Leben extrem langweilig und mein Rücken viel zu krumm ist. Ich tue alles, was bildungstechnisch notwenig ist (Abendschule, Abi nachholen, pipapo) und mit Ende Zwanzig bin ich am vorläufigen Ziel meines alternativen Berufslebens angekommen: Ich arbeite für die Kripo bei der Spurensicherung. OH YEAH.
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Beim Schreiben und Ausdenken der ersten beiden (wohl realistischeren) Ideen merke ich, dass sie nach wie vor ziemlich engspurig sind – sie spielen mehr oder weniger auf dem gleichen Spielfeld, aber das ist okay so – ich hatte ja nun 5 Semester Zeit, mich dort einzugewöhnen. Das ist gelungen, und ich bin gespannt, was in ein, zwei, drei Jahren wirklich passiert. Vielleicht verschwimmen auch alle Pläne, vielleicht passiert irgendetwas Unerwartetes und mein Leben dreht sich um 180 Grad. Das weiß man ja nie. Aber ich denke gern an die Zukunft, auch wenn sie schwammig bleibt. Denn egal, wohin ich sehe, sie sieht immer irgendwie ganz gut aus.
